Sie spielten um ihr Leben

Anita Lasker-Wallfisch in Auschwitz. (Foto: &copy BR/Ari Binus)BR Fernsehen, 24.01.2018, 22:45-23:35 Uhr. »Das Cello hat mein Leben gerettet«, sagt Anita Lasker-Wallfisch. Sie spielte in dem Mädchenorchester, das die Nazis im KZ-Auschwitz betrieben und entging so der Gaskammer. Die Komponistin, Dozentin und Filmemacherin Nurit Jugend spürte acht Musikerinnen und Musiker auf, die die Vernichtungslager musizierend überlebt haben, zeigt, was aus ihnen nach dem Krieg geworden ist und porträtiert eindringlich die Schicksale von Menschen, für die die Musik überlebensnotwendig war und ist. »Das Cello hat mein Leben gerettet«, sagt Anita Lasker-Wallfisch. Sie spielte in dem Mädchenorchester, das die Nazis im KZ-Auschwitz betrieben.

Das Orchester, das von Alma Rosé, der Nichte Gustav Mahlers, geleitet wurde, bewahrte die Cellistin vor der Gaskammer. Auch Frank Grunwald, dessen Bruder von Mengele getötet wurde, entging durch Musik dem Tod. Er war noch ein Kind und spielte Akkordeon in Auschwitz. Einen engen Freund fand er damals in Hellmuth Sprycer, der Pfeifer bei den »Ghettoswingers« in Theresienstadt war, bevor er, um seinen Großeltern zu helfen, heimlich auf den Zug nach Birkenau aufsprang, wo er wieder als Pfeifer auftrat, um etwa eine Decke für seine Großeltern zu erhalten.

In Theresienstadt kämpfte auch Greta Klingsberg durch ihre Musik ums Überleben. Sie sang in dem Kindermusical »Brundibar« die Hauptrolle. Das sind nur vier der Schicksale, die die Komponistin, Dozentin und Filmemacherin Nurit Jugend in ihrem Debütfilm vorstellt. In intimen Interviews und kunstvoll animierten Bleistiftskizzen porträtiert sie die düstere Vergangenheit von acht Musikerinnen und Musikern, die die Vernichtungslager musizierend überlebt haben. Außerdem erzählt sie, wie der Lebensweg der Musikerinnen und Musiker, die nach dem Krieg in unterschiedlichste Teile der Welt zogen, weiterging, wie sie Jahrzehnte nach dem Holocaust immer noch ihre Lebenskraft aus der Musik ziehen – und wie sich nach 60 Jahren zwei der Überlebenden zum ersten Mal wieder begegnen. In zahlreichen Konzentrationslagern existierten musikalische Ensembles und Orchester.

Die Gründe, weshalb die Nazis diese einrichteten, sind vielfältig. Das Mädchenorchester etwa spielte Märsche, damit die zur Zwangsarbeit ausrückenden Insassen im Gleichschritt marschierten, manche Ensembles dienten den SS-Mannschaften zur Unterhaltung, manche Lieder, die von den Häftlingen gesungen werden mussten, dienten ihrer Erniedrigung und manche auch der Propaganda, die die wahren Zustände in den Lagern verschleiern sollten. Wie in »Sie spielten um ihr Leben« förderte die Musik aber auch oft den Überlebenswillen der Deportierten.

»Mit diesem Film möchte ich die Verfolgten in ehrenwerter Erinnerung halten und ihr Erbe anerkennen«, erklärt die Regisseurin Nurit Jugend, »und ich möchte die Botschaft senden, dass Musik die universelle Sprache der ganzen Menschheit ist und eine der kraftvollsten Ressourcen, die wir besitzen. Sie kann im Grauen Erleichterung schaffen und hat die Macht, die Selbstheilungskräfte, die der Mensch in sich hat, zu aktivieren. Und sie kann Menschen, egal welcher Religion vereinen und zu gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz anstiften.« Dementsprechend ist »Sie spielten um ihr Leben« nicht als gewöhnlicher, kommerzieller Film entstanden, sondern wurde in den USA als Non-Profit-Projekt für Bildungsarbeit anerkannt. »They played for their lives« ist an diesem Abend als Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen zu sehen.

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